Einblick
Maas-Boot-Rudern in Wisełka, Polen
An einem Winterabend im Dezember 2008 lief ich mit meinem Freund Christian Dahlke den endlosen Sandstrand von Wisełka entlang. Der pulverartige Sand hatte in dem Abendlicht...
unterschiedliche Grautöne angenommen und die Rehe und Wildschweine des Nationalparks waren die einzigen anderen Wesen, die sich an diesem kalten Abend an dieser Küste bewegten. Kurz nach dem Frühstück am gleichen Morgen hatten wir Hamburg verlassen; nun waren wir in einer anderen Welt.
Als wir durch den stockdunklen Wald zurück zu unserem Hotel liefen, ist der Beschluss gefallen: "Wir müssen mit anderen aus der Allemannia hierhin kommen und die Maas-Boote mitnehmen". Zwei nagelneue Maas-Boote, die für das Rudern auf offenen Gewässern konzipiert wurden, so genannte "open-water-Boote", waren in dem Monat aus San Francisco angekommen und lagen bei uns in der Rennboothalle. Die Boote hatten bisher nur das eher flache Wasser der Alster kennen gelernt und dort den einen oder anderen nichts ahnenden Leistungssportler in seinem Rennboot erschrocken. Nun wussten wir, dass wir ein neues Revier für "San Francisco" und "Golden Gate" gefunden hatten.
Anderthalb Jahre später fuhr ein Zugfahrzeug mit sechs nagelneuen Maas-Booten, von Renko Schmidt zur Verfügung gestellt (vielen Dank!), von Hamburg in Richtung Polen. Wir waren endlich soweit; wir waren kurz davor uns einen lang ersehnten Traum zu erfüllen. Andere Ruderer fuhren aus Frankfurt und Berlin gleich an dem Abend direkt nach der Arbeit, um an diesem Wochenende dabei zu sein. Als alle endlich angekommen um 2:30 Uhr nachts in unserem Hotel Villa Park vor einem frischgebratenen Rinderfilet saßen (von der Hotelbesitzerin perfekt vorbereitet), herrschte eine sehr besondere, sehr fröhliche Atmosphäre.
Ausgeschlafen und nach einem leckeren Frühstück luden wir die Boote ab, bauten sie mit fiebrigen Händen zusammen und gingen durch den urigen Wald, wo wir einst unseren Traum formuliert hatten. Nicht alle in unserer Gruppe waren so rudererfahren wie die ehemaligen Leistungssportler, Christian, Kai, unserer Ironman Holger und ich; Gavin, Axel und Guido waren erst seit zwei Jahren beim RCA, Thomas und Marie hatten noch nie im Einer gesessen und ich war mir nicht so ganz sicher, wie sie mit dem Rudern auf der Ostsee in den Maas-Einern zurecht kommen würden. Zum Glück wollten Dori (meine Frau) und Felix (mein Sohn, 1 Jahr alt) am Strand bleiben und sich nicht der Herausforderung unseres kühnes Vorhabens stellen.
Alle meine Sorgen waren umsonst. Kaum hatten wir abgelegt, fuhren alle juchzend an der von der steifen Brise gepeitschten Brandung vorbei und bald hatten wir uns weit von dem langen Strand entfernt. Die Dünung hob die Boote hoch und ließ sie sanft wieder fallen. Der Rhythmus unserer Ruderschläge glich sich bald dem des Meeres an und man ergab sich dem Willen der Ostsee. Als wir vollkommen entspannt zurück in die Brandung kehrten, entdeckten wir für uns eine neue Sportart: das Surfrudern!
Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass so etwas möglich sei. 30 Minuten vorher waren wir uns nicht sicher, ob wir überhaupt nach dem Ablegen an der Brandung vorbei kommen würden, aber nun beschleunigten wir unsere Maas-Einer, um die Welle zu erwischen und ließen uns mit hoher Geschwindigkeit von ihrer ungeheueren Wucht mitnehmen, bis wir sozusagen vor der Welle herausgespuckt wurden. Um an der Brandung wieder vorbei zu rudern, gingen wir in die Startauslage und sprinteten den anrollenden Wellen entgegen. Sekunden später gab es einen heftigen Frontalaufprall zwischen dem Ruderer und der mächtigen Welle, mit dem Ergebnis, dass wir meistens über die Wellenspitze hinausschossen und sehr laute Freudenschreie von uns gaben.
"Wir kehren auf jeden Fall in diesem Jahr wieder nach Wisełka zurück", da waren wir uns einig. Alle gingen lächelnd auseinander und machten sich nach dem Verladen auf den Weg zurück in die Heimat.
Man sagt, je mehr der Mensch sich von der Natur entfernt, umso mehr sehnt er sich danach, und nun, da ich am Gate C13 im Hamburger Flughafen sitze, umgeben von vielen Menschen und schreienden Kindern, empfinde ich eine große Sehnsucht nach der wilden Küste bei Wisełka, der Gesellschaft meiner Freunde und dem Rudern auf der Ostsee.
George Byrne
Ruderclub Allemannia Hamburg von 1866










