Einblick
Von der Quelle bis zur Mündung
Die Tagebücher - Teil III
28. Juli 2010, Tag 13 – Lehrgeld
Ich bin mittlerweile schon ein paar Mal gegen die Flut auf der Elbe bei Hamburg gefahren. Mit unserem Verein haben wir Boote aus Allermöhe stromabwärts bis nach Hamburg gerudert. Ich wusste schon, dass es sinnlos ist gegen die Ebbe und Strömung anrudern, dachte aber, dass die Elbströmung und die Flut sich einigermaßen ausgleichen würden. Als wir unseren Zeltplatz zwischen Geesthacht und Zollenspieker verlassen hatten, lief es erst richtig gut. Nach einer Stunde hatten wir zwölf Kilometer geschafft – und das gegen die Flut. Wir waren euphorisch, und dachten wir würden ganz entspannt bei dem Ruderclub Allemannia ankommen, wo wir um 17:30 Uhr von unseren Familien, Freunden und Clubkameraden in Empfang genommen werden sollen.
Die Strecke zwischen Zollenspieker und der Stadt kennen wir vom Rennradfahren wie unsere Westentaschen. Die nächsten 18 Kilometer bis an die Schaartorschleuse, der Eingang zu unserer geliebten Alster, wollten wir einfach aus der Flussperspektive genießen. Ab Zollenspieker merkten wir aber, dass wir vielleicht ein bisschen vorschnell gewesen waren, denn auf einmal flogen wir nicht mehr an dem Ufer vorbei, sondern kamen nur ganz mühsam voran. Anstelle dessen, dass wir alle fünf Minuten an den Kilometerschildern vorbeiruderten, dauerte es auf einmal zwölf bis 13 Minuten.
Ich hatte von einem großen Empfang auf dem Allemannia-Steg geträumt und deswegen in den letzten Tag bei Fabian und Jörg plädiert, dass wir bitte bis zum Nachmittag warten, bis wir die entspannte Fahrt zum abendlichen Empfang bei der Allemannia starten. Nun kämpften wir um jeden Meter bei einer Etappe, die eigentlich ein Schaulauf hätte sein müssen. Auch ohne dass wir einen Blick oder ein Wort wechselte, spürte ich die Wut von Jörg und Fabian, denn letztendlich befanden wir uns nur in dieser Lage, weil ich meine Traumvorstellung hatte verwirklichen wollte.
Als wir auf die Norderelbe abgebogen sind, wurde die Flutströmung nur noch stärker und zehn Schläge brachten einen nur noch 20 Meter weiter. Wir durften auch nicht anhalten, denn wir hätten stromaufwärts getrieben werden können. Wir standen unter Zeitdruck, unsere Liebsten warteten auf uns, aber wir kamen kaum vom Fleck, hatten mittlerweile Hunger und waren von der unerwarteten Anstrengung völlig erschöpft. Als ich auf den Zollkanal einbog, merkte ich wie auf einmal die Flutströmung nachließ. Ich blieb weit vor den Jungs als wir durch die Speicherstadt ruderten und wollte mich nicht ihren vorwurfsvollen Blicken stellen. Als wir völlig entkräftet in der Schaartorschleuse saßen, sagte ich ihnen, dass es mir Leid tut und dass ich mir einfach nicht habe vorstellen können, dass die Flut so stark werden würde.
Mindestens der Empfang bei der Allemannia, wo wir erschöpft in die Armen unserer Familien und Freunden fielen, war jeden verdammten qualvollen Kilometer wert.
29. Juli 2010, Tag 14 – Gestrandet
Wir hatten die Nacht zu Hause verbracht, standen aber an diesem Morgen um 6:30 Uhr wieder vor der Allemannia und kurze Zeit später fuhren wir draußen auf der Elbe und wurden von einem Pressefotografen geknipst. Nachdem wir uns von den Wellen des Hamburger Hafens mit seinen Hafenfähren, Schleppern und Schiffen befreit hatten, merkten wir wie sich auf einmal die Elbe änderte: Bisher hatten wir uns an den Kilometerschildern orientiert, die uns von dem ersten Kilometer bei Pardubice begleitet hatten. Waren wir bei Kilometer "x" wussten wir, dass Dorf "y" nur 400 Meter entfernt war. Wusste man nicht wie die Kirche auf dem Backbord-Ufer hieß, genügte ein schneller Blick in den Streckenplan und schon wusste man den Namen und vielleicht sogar wie alt die Kirche war.
Ab Hamburg wurde unsere Tour zu einem Orientierungslauf, bei dem man mithilfe von Oberfeuern, Unterfeuern, Leuchttürmen, Atomkraftwerken und Elbinseln navigieren musste. Es wurde empfohlen, sich immer entlang aber außerhalb der Schifffahrtsrinne zu hangeln. Kurz vor Stade hatten wir ein mulmiges Gefühl: Das Wasser war zwar spiegelglatt, aber bis zu einem rettenden Ufer waren es mindestens zwei Kilometer sowohl auf der Back- als auch auf der Steuerbordseite.
Wir hatten den engen Elbkanal bei Pardubice vor 13 Tagen erlebt, wo man einen Stein von einem Ufer zum anderen hätte werfen können. Die Elbe war hier ein ganz anderer Fluss, aber um genau diese Metamorphose zu erleben, hatten wir mit dieser Tour begonnen.
Stade erreichten wir bei Dauerregen gegen 12:00 Uhr. Wir ruderten in die Schwinge hinein und legten beim Ruderclub Athenaeum an, um die nächsten sechs Stunden bis zum Hochwasser in der Innenstadt von Stade totzuschlagen. Wir haben gegessen, einen Kaffee getrunken, ein bisschen geschlafen bis es um 18:00 Uhr wieder so weit war. Optimistisch, dass wir bis zum Sonnenuntergang etwa 20 weitere Kilometer schaffen würden, um danach auf der Rhinplatte oder auf dem Festland zu zelten. Als wir die Schwinge verließen, sah alles noch ganz gut aus. Wir würden zwar mit einem leichten Gegenwind zu tun haben, aber schlimm würde das wohl nicht werden.
15 Minuten später befanden wir uns mitten in der Schifffahrtsrinne und kämpften um unsere Leben. Je mehr die Ebbe im Gang kam, desto größer wurden die Wellen. Schlagartig hat nahm auch der Wind zu und nun blies er mit Stärke 6 gegen die vereinten Kräfte der Ebbe und der Elbströmung. Es bauten sich dabei zwei bis zweieinhalb Meter hohe Wellen auf, die uns und unsere Boote mit einer ungeheueren Wucht bombardierten. Wir mussten anlegen, und zwar sofort, denn mit zunehmender Ebbe würde es nur noch schlimmer werden.
Wo aber sollten wir anlegen? Stade lag drei Kilometer stromaufwärts auf der Backbordseite, der Eingang zu dem ruhigen Wasser nördlich von Pagensand war mindestens viereinhalb Kilometer entfernt und so weit würden wir es sicher nicht schaffen. Die einzige Möglichkeit war, den zweieinhalb Kilometer entfernten Bishorster Sand zu erreichen und dort anzulanden, obwohl wir nicht wussten, ob da Steine oder Untiefen waren. Die Gefahr bei diesen Bedingungen auf dem Wasser zu bleiben überwog aber jede andere, und so wir fuhren quer zu den Wellen bis wir den sandigen Boden vor der Insel unter unseren Füßen spürten; wir waren in Sicherheit.
Es war 19:30 Uhr. Wir zogen die Boote in den Schilf hinein und machten uns ein Bild von unserer Lage. Binnen fünf Minuten war es uns kristallklar: Hier konnten wir nicht zelten, denn die Insel war ein absolut zugewachsenes Naturschutzgebiet, das keine einzige Möglichkeit bot, über der Hochwasserlinie zu zelten. Die komplette Insel würde also bei dem Hochwasser, das am nächsten Morgen einen Meter über dem normalen Pegel ausfallen sollte, überschwemmt.
Mit einer ruhigen Nacht auf einer einsamen Elbinsel würde es also nichts werden.
Unser Ziel formulierten wir um 20:00 Uhr: Wir mussten zurück nach Stade, und zwar schnell, denn viel Tageslicht hatten wir nicht mehr. Wir schnallten fieberhaft unsere Seesäcke wieder an die Boote und begaben uns wieder auf die Elbe. Zehn Minuten später kämpften wir zum zweiten Mal an diesem Tag um unsere Leben: Wieder hatten wir Wellen von bis zu 2,5 Metern, die uns zumindest mit dem Nordwestwind gen Stade schoben. Wir mussten aber hauptsächlich quer zu den Wellen fahren, und hierbei wurde es ungeheuer heikel, da die Wellen teilweise unsere Boote in ihren Griff nahmen und diese drehten, so dass wir seitlich zu den Wellen standen; eine Situation, die es auf jeden Fall zu vermeiden gilt, denn die Wucht der nächsten Welle kann das Boot zum Kentern bringen. Noch dazu mussten wir damit kämpfen, dass die Boote von den hohen Wellen aus der Heckrichtung aufgebockt wurden, wobei der Bug gen Flussboden gekippt wurde. Wir ruderten also die Boote quasi in die Elbe hinein und der Bug stoppte das Voranfahren des Bootes wie eine riesige Bremse. Es gab Momente, in denen wir alle Angst hatten, dass wir an diesem Abend nicht mehr davon kommen würden. Wir standen alle unter Strom, es war eine existentielle Grenzerfahrung und wir würden mit allen Mitteln kämpfen müssen, mit unserem ganzen Können und Mut, um überhaupt davon zu kommen. Irgendwie schafften wir das auch und als wir wieder in die Schwinge schlichen, waren wir unheimlich froh davon gekommen zu sein.
30 Minuten nachdem wir mit der Elbe um unsere Leben gerungen hatten, saßen wir auf den Ledersitzen eines VW Phaeton und glitten in Richtung des Stader Bahnhofs. Einem Mitglied des Stader Segelvereins hatten wir von unserer Tour und unserem Abend erzählt und er bot an, uns zum zehn Kilometer entfernten Bahnhof zu fahren. Wir würden heute Nacht wieder bei unseren Liebsten schlafen und dann in Hamburg auf bessere Windverhältnisse warten.
Die Elbe hat uns dieses Mal besiegt, aber ans Aufhören dachte keiner von uns. Wir waren zu weit gekommen, über 850 Kilometer, und fest entschlossen unser Ziel zu erreichen.
30. Juli bis zum 31. Juli 2010 – Weder Fisch noch Fleisch
Wir waren wieder zu Hause, aber richtig genießen konnten wir das nicht, denn eigentlich waren wir immer noch auf Tour. Wir benutzten die Zeit, um unsere Route zum Gipfel zu planen. Wir saßen stundenlang vor dem Rechner und überprüften die komplette Route, Kilometer für Kilometer bis wir genau wussten, wo wir lang fahren wollten. Wir lernten so viel wir konnten über die unterschiedlichen Seezeichen, die die vielen Gefahrenstellen der Unterelbe kennzeichneten. Wir haben nur das Nötigste an Gepäck in unsere Seesäcke getan, um die Boote von so viel Gewicht zu befreien wie möglich. Die Windvorhersage überprüften wir mindestens fünf Mal am Tag und für Samstag, den 1. August sah alles perfekt aus.
Ein Freund von uns, Christoph Beyrich, hatte das Bild von uns gesehen, wie wir niedergeschlagen und erschöpft im Stader Bahnhof saßen und bestand darauf uns bei unserer Tour zu helfen. Am Freitagabend fuhr Christoph uns zurück zum Ruderclub Athenaeum, wo unsere Boote seit Mittwochabend lagen. Es fühlte sich unglaublich gut an, wieder richtig auf Tour zu sein, die Zelte aufzubauen, wieder am Elbufer zu schlafen.
Beim Aufwachen morgen würden wir es wissen: Entweder würden wir Renko Schmidt anrufen und ihn bitten uns samt Booten von Stade abzuholen oder wir würden losfahren.
Bis wir Hamburg erreichten, war das Schicksal unserer Tour in unseren Händen gewesen: Wenn wir körperlich in der Lage waren eine Strecke zu schaffen und verbissen genug waren, um es tatsächlich zu tun, haben wir das auch geschafft. Ab Hamburg waren wir der Willkür der Elbe gnadenlos ausgeliefert. Es war frustrierend aber schön zugleich, denn auch wenn unser Ziel dadurch nicht erreichen sollte, war dies Teil des Erlebnisses das wir bei dieser Tour gesucht hatten: In der Tschechischen Republik erlebten wir die Elbe eng, zahm, langsam und verschlafen, aber ab Hamburg wurde sie zu einem extrem gefährlichen und unberechenbaren Riesen.
Morgen würden wir sehen ob die Elbe uns erlauben würde bis nach Brunsbüttel zu fahren. Wir schliefen noch einmal in unseren Zelten ein und hofften dabei, dass sich der vorhergesagte Schiebewind am nächsten Morgen bewahrheiten würde.
1. August 2010, Tag 15 – Meer geht nicht
Bei Brokdorf hätten wir eigentlich anlegen sollen. Wir wussten, dass die Wellen vor Brunsbüttel nur größer werden würden, aber trotzdem fuhren wir weiter. Wir fuhren weiter obwohl schon bei Glückstadt anderthalb Meter hohe Wellen von dem niedersächsischen Ufer uns jeden Schlag schwer machten und literweise Elbwasser in unsere Boote spülten. Wir fuhren weiter, weil wir wussten, dass wir am nächsten Tag Cuxhaven nur erreichen könnten, wenn wir aus dem 30 Kilometer entfernten Brunsbüttel starten würden.
Wir hätten nicht weiter fahren sollen, fuhren aber trotzdem weiter, und fuhren so weit bis wir weder auf der Backbord- noch auf der Steuerbordseite eine Anlegemöglichkeit hatten. Vor uns sahen wir die Kaianlagen von Brunsbüttel, dahinter sahen wir den Eingang zum Nord-Ostsee-Kanal und am Horizont sahen wir die Nordsee und auf einmal befanden wir uns wieder in Lebensgefahr. Wir hatten aber nur eine Wahl: Weiterfahren.
Wir fuhren weiter bis wir uns vor der Kaimauer befanden und 2,5 bis 3 Meter hohe Wellen aus Backbord (Seitenwind), Steuerbord (Rückläufer von der Kaimauer) und der Bugrichtung (Nordsee) kamen. Wir kamen kaum noch vom Fleck und ich wusste gar nicht, wie wir je hier raus kommen würden. Ich rief zu einem Kranfahrer, der eines der Schiffe an der Kaimauer belud, gehört hat er mich aber nicht. Ich winkte dem Lotsen fieberhaft zu; der winkte freundlich zurück und fuhr weiter.
Weiterfahren! Weiterfahren!
Auf einmal rief Jörg "Wir legen im Schlick am Ende der Kaimauer an!". Man weiß nie, wie tief der Schlick sein kann. Ich würde deswegen niemals einfach irgendwo im Schlick anlegen. Es gab einfach keine andere Wahl, wir mussten anlegen, und das sofort.
Seit Stade hatten wir uns gefragt, ob wir an die Grenzen der Maas-Boote gekommen waren. Vor der Kaianlage sind wir mindestens an unsere Grenzen angekommen. Wir hatten wieder unsere Leben aufs Spiel gesetzt und als wir durch den zum Glück nur halben Meter tiefen Schlick wateten wusste jeder von uns, dass wir das zum letzen Mal auf dieser Tour gemacht hatten.
Wir würden morgen nicht weiter fahren, obwohl wir Cuxhaven schon sehen konnten.
Wir sind alle Leistungssportler gewesen, haben fleißig und hart gearbeitet um ein Ziel zu erreichen. Wir hatten Cuxhaven als Ziel definiert, weil dort die Kugelbake steht und die Kugelbake die geografische Mündung der Elbe markiert. Wir sind Leistungssportler gewesen, aber nun waren wir etwas anderes, wir waren Abenteurer.
Wir wollten nicht nur eine Leistung erbringen, sondern einen Fluss erleben von der Quelle bis zur Mündung. Als wir auf dem von Schafkot bedeckten Deich saßen und auf die Mündung der Elbe schauten, wie sie sich von Brunsbüttel bis an die Nordsee ausdehnte, lag vor unseren Augen genau das, was wir erleben wollten.
Wir sind keine Leistungssportler mehr, denn ein Leistungssportler wäre enttäuscht sein erklärtes Ziel nicht erreicht zu haben. Wir waren aber alles andere als enttäuscht. Wir hatten das erlebt, was wir erleben wollten, wir hatten einen Fluss, einander und uns selbst kennen gelernt, wir haben Freunde gemacht und Menschen begeistert und das war unser Erfolg.
Euer,
Fabian, Jörg und George
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