Einblick

Von der Quelle bis zur Mündung

Die Tagebücher - Teil I

Seitdem ich die großen europäischen Flüsse kenne, bin ich immer von deren Größe, Majestät und Zeitlosigkeit fasziniert. Als ich an einem Nachmittag im Mai 2010 mit Renko Schmidt im Hotel "Le Royal Meridien" an der Alster saß und wir uns über die neuen Boote, die er aus den USA importiert hatte, unterhielt, sagte ich auf einmal ganz spontan „Gib mir drei Maas-Boote und ich rudere mal mit einem Team die Elbe runter“. Zu guter Letzt hörte ich die Worte aus meinem Mund quellend „…und das machen wir sogar in zwei Wochen“. Ich war schon etwas überrascht von meinem eigenen Einfall, aber irgendwie fand ich die Idee gar nicht so übel. Renko zum Glück auch nicht, denn sonst hätte er uns die drei nagelneue Maas-Boote wohl nicht zur Verfügung gestellt, die wir unbedingt für diese Herausforderung brauchen würden.

Eine Schwäche von mir war mal, dass ich zwar viele gute Ideen hatte, aber wenige in die Tat umgesetzt habe. Ich bekämpfe diese Charakterschwäche erfolgreich damit, dass ich immer versuche sofort Nägel mit Köpfe zu machen sobald ich einen solchen Geistesblitz habe. Schon im Fahrstuhl wusste ich, dass ich Jörg Lehnigk als ersten anrufen würde. Fünf Minuten nachdem ich das Hotel voller Aufregung und Tatendrang verlassen hatte, hatte ich das Team schon zusammen. Auf Jörgs Zustimmung musste ich keine zwei Sekunden warten; Fabian Haberfelder, der während meines Telefonats mit Jörg neben Jörg saß, war von dem Plan so begeistert, dass er auch sofort zusagte. In so kurzer Zeit und auf so spontane Art nahm unser Team Gestalt an.

Bald hat unser Projekt richtig Form angenommen; auf dem Allemannia-Steg lagen drei Maas-Boote, die von der Bootswerft BBG so umgebaut worden waren, dass wir wasserdichte Seesäcke und sonstiges Gepäck auf dem Bootsdeck fixieren konnten. Die Ausrüstung für unsere Tour musste robust, aber auch leicht und kompakt sein, damit wir die maximale Beladung von 110 Kilo nicht überschreiten, was besonders bei meinen 94 Kilo ein Thema war. Zur Verfügung gestellt wurde sie uns von der Ausrüstungsfirma Globetrotter.
Damit unsere Familien, Freunde und Ruderkameraden in ganz Deutschland unsere Tour täglich im Internet verfolgen konnten, kontaktierten wir Oliver Quickert von rudern.de, der Internetseite des Deutschen Ruderverbandes, der zum Glück ebenfalls von unserer Idee angetan war. Es war Anfang Juli, alles war bereit, aber wir hatten noch keine Vorstellung, was uns erwarten würde.

16. Juli 2010, Tag 1 – Ungewissheit

Es war ein unheimliches Gefühl, nach neun Stunden Autofahrt mit dem voll beladenen Maas-Boot bei Pardubice (Pardubitz) abzulegen; man hat mehr als 900 Flusskilometer vor sich in einem Boot, in dem man sich umdrehen muss, um in Fahrtrichtung zu schauen. Mehr als 900 Kilometer, wo man allerlei Gefahren übersehen könnte: riesige Stahlbojen, gefährliche Untiefen, Brückenpfeiler, Binnenschiffe und so weiter. Fast jede von diesen Gefahrenquellen würde das sichere Ende für den betroffenen Ruderer bedeuten. Ich habe es in Pardubice keinem mitgeteilt, aber mir war es unvorstellbar, dass wir heil an der Mündung ankommen würden.

Kurz nachdem wir abgelegt hatten, waren wir schon wieder beim Anlegen. Es hat angefangen zu dämmern und nach dem späten Start war es nun an der Zeit unseren ersten Wildcampingplatz zu finden. Mit Mücken hatten wir schon gerechnet und sogar zwei Flaschen Mückenspray mitgenommen. Eine solche Mückenplage, wie wir sie an diesem Abend erlebten, hatte sich aber keiner von uns vorstellen können. Binnen einer Minute hatten wir schon mindestens 20 Mückenstiche und waren in eine leichte Panik versetzt. Während wir bei 35 Grad komplett verschwitzt in unserer Regenbekleidung am Flussufer standen und Hände und Gesichter frenetisch mit Mückensalbe einschmierten, wussten wir, dass unser Traum vom entspannten Bierchen zum Abendessen an dem urigen Elbufer an diesem Abend wohl nicht wahr werden würde. Jeder entschloss sich in sein Zelt einzuschließen und sich seinem Buch und einer Packung Pumpernickel zu widmen.

Während wir völlig verschwitzt in unseren Einmann-Zelten so langsam zur Ruhe kamen, hörten wir wie Millionen von Mücken gemeinsam summten. Wir waren froh auf der anderen Seite unserer Moskitonetze zu sein.

17. Juli 2010, Tag 2 – Noch nie hat eine Cola so gut geschmeckt

Es gibt einfach Sachen, von denen ein Leistungssportler die Finger lässt: Butter, Käse, Schokolade und Alkohol fördern weder die Leistung noch die schlanke Figur und sind deswegen für jeden Leistungsruderer tabu, auch wenn sie verdammt gut schmecken. Irgendwann hat man sich so daran gewöhnt, auf sie zu verzichten, dass man kein Verlangen mehr nach Nutella und Konsorten verspürt. Nach 25 Kilometern in der brennenden tschechischen Sonne hatten wir die verschlafene Gaststätte „Cidlina“ gefunden, legten direkt davor an und bestellen sofort das, wovon wir schon seit 24,5 Kilometern geträumt hatten: eine eiskalte Cola. Danach ließen wir drei ebenfalls eiskalte Krušovice Pilsner kommen und unser Glück war perfekt. In diesem Biergarten, im Schatten der Eichenbäume, schufen wir ein Ritual, das uns bis zum Ende unserer Tour begleiten würde: Wir tranken zu jeder Mittagspause und jedem Abendessen mindestens einen halben Liter Bier.

An die gesamte Distanz, die vor uns lag, verloren wir keinen Gedanken. Wir dachten nur in Etappen und an die 35 Kilometer, die wir bei brütend heißer Sonne noch vor uns hatten.

18. Juli 2010, Tag 3 – Wo sind wir?

Der vorherige Abend brachte uns einen schönen, mückenarmen Zeltplatz vor dem Ruderclub von Lysá nad Labem und noch einen halben Liter tschechischer Braukunst zur Entspannung der müden Muskeln. Vom Campen in der Wildnis hatten wir erstmal genug gehabt und endlich es geschafft, ungestört am Elbufer zum Abend zu essen.

Am diesem dritten Tag hatten wir erwartet, dass wir am Ende der 70 Kilometer langen Etappe die deutsche Grenze überqueren würden: Wir hatten keine Ahnung.

An der Mündung der Moldau ruderten wir vorbei, sicher in dem Wissen, dass wir uns innerhalb der nächsten 20 Kilometer in deutschen Gewässern befinden würden. Das hieß nicht nur Rückkehr zum Vaterland, Land des trinkbaren Leitungswassers und günstiger Telefonie (ich habe jeden Tag meine Berichte samt Bilder an rudern.de per Handy zu exorbitanten Roaming-Preisen verschickt), sondern auch die erste Übernachtung in einem der deutschen Rudervereine, wo wir erwartet wurden. Wir würden natürlich traurig sein, die wunderschöne Tschechische Republik zu verlassen, mit ihren freundlichen, entspannten Menschen, urigen Landschaften und ihrem köstlichen, günstigen Bier. Anderseits waren wir froh, die Strecke so schnell hinter uns gebracht zu haben. Als wir das traumhafte Schloss von Melnik passierten und die ersten deutschen Wanderboote sahen, konnten wir die Bratwurst fast schon riechen. 20 Kilometer später, gegen den Wind ankämpfend, wollte die deutsche Grenze einfach nicht kommen. Mehrmals dachten wir den in unserem Streckenplan aufgezeichneten Zollanleger am Ende der nächsten Gerade sehen zu können, doch jedes Mal wurden wir in unserem Wunschdenken enttäuscht.

Ein vorbeifahrendes Schnellboot mit deutscher Flagge ließ uns hoffen, die Grenze gleich erreicht zu haben und bald suchten wir nach Zeichen, dass wir Deutschland erreicht hatten. Wir kamen in einer Stadt an, „ein deutsches Stoppschild!“ rief Jörg; „lass mal schauen, ob die Autos deutsche Kennzeichen haben!“ – hatten sie leider nicht.

Ich fragte einen Passanten, wie weit es nach Deutschland sei. Er sah ziemlich verdutzt aus, vielleicht hat er mich wegen des Windes nicht verstanden. Näher an das Ufer herangerudert, fragte ich ihn noch einmal. Der Fußgänger schaute mich an als wenn ich vom Mars käme und versuchte mir etwas auf Tschechisch zu erklären. Auch die Angler, die wir nach dem Anlegen gefragt haben, haben wir nicht verstehen können. Es blieb nur der teure Griff zum GPS auf dem Mobiltelefon um festzustellen, dass wir uns auf keinen Fall in einer tschechischen Enklave irgendwo in Südostdeutschland befanden. Wir waren in einer kleinen Stadt namens Štětí und bis an die deutsche Grenze waren es noch 95 Kilometer! Wir waren bestürzt, wir waren erschöpft.

Es blieb nur der Griff zum tschechischen Zaubertrank! Wir setzten uns auf eine Bank am Elbufer und teilten die 1,5 Literflasche Cola, die ich in einem nahen Lokal mit Staropramen habe auffüllen lassen, und mit jedem Schluck hellte sich unsere Laune zunehmend auf. Als die Flasche leer war, waren wir voller Hoffnung für den kommenden Tag und uns vollkommen sicher, dass wir die fehlenden Kilometer wieder gutmachen würden. Diese Tour wäre mit Wasser alleine nicht zu bewältigen gewesen.

19. Juli 2010, Tag 4 – Schietwetter und die Entdeckung der Strömung

Unserer Team bestand aus drei Menschen, die sich ergänzt haben: Jörg, der sehr energetisch und extrem positiv war; Fabian, der zwischen Freude und Melancholie schwanken konnte, sich aber meistens vom überschwänglichen Optimismus Jörgs mitreisen ließ und mir, vom Wesen her eine Frohnatur und zwar eine, die ab und an zur Faulheit neigen kann.
Ich habe es kein einziges Mal geschafft, mein Zelt schneller als die beiden Ratzeburger auf- oder abzubauen. Ich habe mir manchmal wirklich Mühe gegeben, habe den Prozess des Aufbaus und Demontage für meine Begriffe perfektioniert, musste aber jedes Mal zusehen, wie die beiden längst vor mir fertig wurden.

Als ich an diesem Morgen in meinem Zelt zu Wind und Regen um 6:00 Uhr aufwachte, war mein erster Gedanke „Bei so einem Wetter bleibe ich im Zelt“. Sobald ich aber die beiden Jungs hörte, die sich in freudiger Erwartung über den am vorherigen Abend versprochenen „Haferschleim irischer Art“ unterhielten, wusste ich, dass es mit dem Ausschlafen nichts werden würde.

Beim Ablegen hätte das Wetter nicht schlechter sein können, aber die nicht gerade erheiternde Mischung aus Gegenwind und Dauerregen konnte unseren neu gefundenen Optimismus nicht trüben. Kilometer für Kilometer kämpften wir gegen den Wind an und mit jedem weiteren Kilometer hellte sich das Wetter auf, bis wir am Ende unter blauem Himmel und mit Schiebewind uns durch einen in unserem Streckenplan nicht erwähnten Abschnitt ruderten. Jede Schleuse war eine kleine Überraschung und nach jeder einzelnen fragten wir uns, ob diese hier wohl die letzte Schleuse sei und ob vielleicht etwas mehr Strömung zu spüren sei. Als wir an Litoměřice (Leitmeritz) vorbeiruderten, fragte ich einen vorbeifahrenden Ruderer wie weit es bis nach Děčín (Tetschen) sei. Ich war etwas überrascht: Es waren noch 20 Kilometer. Den Jungs, die genau so platt waren wie ich, erzählte ich, dass es nur noch 17 km sei. Děčín befindet sich 14 Kilometer von der Grenze zu Deutschland entfernt, aber immerhin 75 Kilometer von unserem Startpunkt in Štětí. Wenn wir Děčín erreichen sollten, würden wir einen neuen Tagesrekord von 85 Kilometern aufstellen und etwas von unserem Rückstand gutmachen. Wir ruderten immer weiter durch den „Garten Böhmens“, bis wir auf einmal die größte Schleuse vor uns hatten, die wir bisher auf der Tour gesehen hatten.

Die Schleuse bei Ústí nad Labem (Aussig) war nicht nur die größte, sondern auch die letzte, die wir in Tschechien passieren würden. Wir empfanden eine Mischung aus Freude und Neugier. Bis zu der letzten Elbschleuse in Geesthacht strömt die Elbe ungehindert durch Wehren und Schleusen, aber wie stark würde denn diese Strömung sein?

Nachdem wir neun Meter herunter geschleust wurden, ruderten wir sehr vorsichtig in den Wildwasser-ähnlichen Strom hinein und waren unheimlich froh auf einmal von der stark strömenden Elbe mitgezogen zu werden. Aufregung und Adrenalin ersetzte bald Freude, als wir mit für uns bisher unbekannter Geschwindigkeit an großen Bojen und durch Ústí nad Labem mit seinen Brücken und Untiefen vorbei flogen. Wir waren immer noch in dem Abschnitt, der in unserem Streckenplan fehlte und hatten keine Ahnung, wie viele oder überhaupt welche Gefahrenstellen vor und hinter uns lagen. Wir wussten auch nicht, dass es von Litoměřice bis nach Děčín keine 20 Kilometer waren, sondern 35.

Als wir in Děčín ankamen, waren wir nur Treibgut in den Strömen der immer noch stark fließenden Elbe. Wieder griffen wir zu unserem Zaubertrank, brauchten aber diesmal eine zusätzliche Dosis, um die ersehnte Wirkung zu erzielen. Wir waren stolz, aber zu müde, um überhaupt irgendetwas zu empfinden. Wir hatten die Lücke in unserem Plan geschlossen und ab Děčín wussten wir wieder wo wir waren und was vor uns lag.

20. Juli 2010, Tag 5 – Lattisimus Dorsi und die sächsische Schweiz

Als ich vor dem Frühstück die Strömung der Elbe beobachtete, wie sie stetig an der roten Boje vor mir zerrte, habe ich gehofft, dass wir heute noch mehr Boden gut machen würden. Irgendwann aber kriegt selbst der stärkste Athlet die Rechnung vom Körper, wenn man ihn jeden Tag aufs Neue mit endlosen Kilometern quält. Uns allen tat das Sitzfleisch weh, der untere Rücken war auch nicht viel besser dran und in allen sonstigen Muskeln steckte die Müdigkeit von den vielen bisherigen Kilometern. Fabian hatte aber ein zusätzliches Problem: Seit gestern hatte er starke Schmerzen in dem Lattisimus-Muskel auf der linken Rückenhälfte. Die einzigen Behandlungsmöglichkeiten, die uns zur Verfügung standen, waren Massage und die Verwendung eines ABC-Pflasters, das Jörg mit im Gepäck hatte.

Wegen Fabians Verletzung entschieden wir uns, nur bis nach Dresden zu rudern und hofften, dass Fabian die 65 Kilometer würde schaffen können. Es war eigentlich sehr schade, so viel Schönheit, wie wir an diesem einen Tag gesehen haben, an sich vorbeiziehen zu lassen. Wir haben alle geschworen zu den Felsen der böhmischen und sächsischen Schweiz zurück zu kommen, die umhüllt von grünen Wäldern über der Elbe emporragen.

An diesem Tag fing nicht nur die Fahrt durch deutsche Gewässer an. An diesem Tag begannen die menschlichen Begegnungen, die unsere Tour prägen würden, denn heute würden wir den ersten von vielen deutschen Rudervereinen besuchen. Heute würden wir zum ersten Mal den Menschen begegnen, die uns seit Pardubice im Internet verfolgt hatten.

Als wir in Dresden ankamen, suchten wir den USV TU Dresden, wo unserer Freund und Ruderkamerad Christian Sommer uns in Empfang nehmen würde. Was keiner von uns wusste war, dass der 67-jährige Christian sich am Tag davor so sehr auf uns gefreut hatte (und sich ein bisschen um uns Sorgen gemacht hatte), dass er die 20 Kilometer nach Pirna geradelt war, um zu schauen wo wir stecken. Da wir aber zu dieser Zeit mit fast einem Tag Verspätung unterwegs waren, hat er die 40 Kilometer umsonst gemacht.

Sein Lächeln hat man schon aus einem Kilometer Entfernung auf der Backbordseite gesehen! Die Tour durch Tschechien war ein Erlebnis, das vor allem von der Schönheit der Natur geprägt war, denn zwischen uns und den freundlichen Tschechen stand leider eine schier unüberwindbare Sprachbarriere. Ab Dresden erlebten wir die Güte, Offenheit und Begeisterungsfähigkeit der Mitglieder deutscher Rudervereine. Als wir uns zum ersten Mal seit vier Tagen frisch geduscht in unsere Schlafsäcke in dem Gymnastikraum des nagelneuen Clubhauses begaben, nach einem schönen Abend im Schiller Biergarten mit dem lieben Christian, waren wir sehr froh in Deutschland angekommen zu sein.

 

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